Corona

Der Verlag Kein & Aber versteht es, mit einer intelligenten Mischung von anspruchsvollen und gut verkäuflichen Büchern immer vorne dabei zu sein. Man muss Bücher wie „Crazy Rich Asians“ nicht lesen, aber sie spülen Geld in die Kasse und damit können auch nicht so massentaugliche Romane oder Sachbücher finanziert werden. Und dass sich Qualität und Bestsellerliste nicht ausschließen, beweist etwa Elif Shafak, in deren Romanen die Widersprüche zwischen Tradition und Moderne in der uns kulturell doch ziemlich fremden Türkei auf die wunderbarste Weise in Szene gesetzt werden.

Leider gilt das nicht für die jüngste Neuerscheinung, die das die Öffentlichkeit beherrschende Thema im Titel trägt. Das auf der Verlags-Homepage veröffentlichte Zitat aus der schweizerischen Weltwoche sagt eigentlich alles: „Meyers Buch ist mit leichter Hand geschrieben. Es ist unprätentiös in Sprache und Stil, die Story perlt frisch voran, der Autor beobachtet geduldig, aber mit fordernder Präzision und vor allem mit einer distanzierten Schwerelosigkeit, die ihn elegant abhebt von all diesen fanatisierten Besserwissern und Schlechterwissern rund um die Virus-Geisteshoheit.“

Allzu leichte Kost für anspruchsvolle LeserInnen, Handlung gibt es eigentlich keine, die Auswahl der Bücher entspricht dem Kanon des Feuilletons, also eher was für Leute, die bei der Wahl der richtigen Seuchen-Lektüre mitreden wollen. Die Bestsellerliste wird zeigen, ob es wenigstens der Bilanz zuträglich ist. Ich warte einstweilen auf den neuen Roman von Elif Shafak.

Martin Meyer – Corona. Erzählung, 20 €, ISBN: 978-3-0369-5837-8

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Die Tränen der Berlinale

Was für ein Segen, dass sie wieder vorbei ist, die Berlinale. Ich muss ja leider zugeben, dass es nicht schaffe, mich von dem ganzen Trubel fern zu halten. Als Freund der Kinemathek, der die Filme des Forums zum ermäßigten Eintritt besuchen kann, schaue ich dann doch täglich nach, was ich mir ansehen könnte und ob es noch Karten dafür gibt – ganz abgesehen vom rbb-Nachtprogramm, in dem ich dann auf die Fototapete starre, vor der sich mir unbekannte DarstellerInnen und RegisseurInnen tummeln.

Zum Glück war ich in diesem (Jubiläums-)Jahr die meiste Zeit über krank und habe es in Zeiten des Corona-Wahnsinns vermieden, mit laufender Nase aus dem Haus zu gehen. Aber am Sonntag war ich wieder fit, also dachte ich, gehe ich ins Haus der Berliner Festspiele – in Erinnerung an alte Zeiten, als ich noch für das Musikfest oder das Jazzfest Programme, Katalog und Plakate gestaltet habe, wiewohl der Ärger darüber, aufgrund persönlicher Intrigen abserviert worden zu sein, noch nicht gänzlich verflogen ist. Sollte jemand behaupten, dass ihm die Grafik der Festivals, für die die Festspiele verantwortlich sind, jetzt besser gefällt, hülle ich mich sofort in Schweigen. Aber die Plakate der diesjährigen Berlinale zeugen von einer so bemerkenswerten Belanglosigkeit, dass man darüber wohl kein Wort verlieren muss.

Philippe Garrels „Le sel des larmes“ („Das Salz der Tränen“) war dann der erwartbare Film eines älteren französischen Regisseurs, der einen jungen Mann auf der Suche nach der Liebe zeigt – leicht dahin erzählt mit ein paar murmelnden philosophischen Bemerkungen des belesenen Vaters, der als Tischler ein ehrliches, aussterbendes Handwerk ausübt, das der Sohn weiterführen und durch seine Ausbildung zum Kunsttischler auf eine höhere Ebene heben soll. Das wird unaufgeregt in schönen Schwarzweißbildern erzählt, erinnert ein wenig an Rohmer und Truffaut, aber ist doch viel zu nostalgisch und zu blasiert vorgetragen, um dem Filmerbe etwas Eigenständiges hinzuzufügen.

Ich hatte einen Film von Garrel im Kopf, der mir sehr gut gefallen hatte, aber leider muss ich denjenigen Kritikern beipflichten, die Garrel als einen der alten, weißen Männer im Regiebereich einstuften, deren Zeit wohl vorbei sei. Dem ist nichts hinzuzufügen. Schade nur, dass bisher so wenige Menschen bemerkt haben, dass im Arsenal in der Woche nach der Berlinale die besten Forum-Filme wiederholt werden, heute Abend etwa „Ouverture“, ein fantastisches Œuvre der Theatergruppe The Living and The Dead Ensemble aus Haiti, Frankreich und Großbritannien, die anhand eines Theaterstücks über den Revolutionär Toussaint Louverture die weithin unbekannte und verschüttete Geschichte der Karibikinsel sowie die eigene Rolle als schwarze Intellektuelle in drei bildmächtigen Akten zur Sprache bringt.

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Schluss mit der Ökomoral!

Der provokative Titel des Buches von Michael Kopatz führt in die Irre. Das Buch bietet eine kompakte und übersichtliche Zusammenfassung der Themen, die im Zusammenhang mit der Klimadebatte im letzten Jahr geführt wurden und diskutiert unterschiedliche Lösungsvorschläge – nichts wirklich Neues für politisch Interessierte, die sich schon ausführlich mit den Themen Verkehr, Ernährung, Umweltschutz und Energie beschäftigt haben, was ja unvermeidbar war, wenn man (oder frau) die Nachrichten kontinuierlich verfolgt hat.

Auch der Ansatz, dass es zu wenig ist, moralisch gut zu handeln, sondern dass eine grundlegende und dauerhafte Veränderung unseres Konsumverhaltens nur durch politische (und wirtschaftliche) Initiativen möglich ist, dürfte für all diejenigen nichts Neues sein, die sich mit den Grundlagen unserer Demokratie und den Voraussetzungen unseres Wirtschaftens schon einmal befasst haben.

Aber für alle diejenigen, die glauben, dass es genügt, wenn sie selbst biologische und fair gehandelte Produkte kaufen, nicht in den Urlaub fliegen und auf das Auto verzichten, ist das vorliegende Buch auf jeden Fall eine Provokation und womöglich auch eine Anregung, sich politisch zu engagieren.

Es soll ja durchaus Menschen geben, die der Meinung sind, dass die Politik an und für sich nichts bewirken könne – oder dass es genügt, die Grünen zu wählen, die sich so geschmeidig in die politische Mitte bewegt haben, dass sie auch für SUV-fahrende Aktienbesitzer wählbar geworden sind. Wird ja alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird und der nette Herr Habeck spricht auch nur Empfehlungen aus und nicht gleich Verbote wie einst noch Renate Künast mit ihrem Veggie Day oder Jürgen Trittin, der die Einweg-Pfandpflicht gesetzlich verfügte.

Wer eine kompakte Zusammenfassung der Diskussionen rund um „Fridays for Future“ aus ökologischer Sicht sucht, ist mit diesem Buch bestens bedient. Michael Kopatz ist Soziologe, Umweltwissenschaftler und Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Wer mehr lesen und aktuell informiert werden möchte, kann den Blog des Autors abonnieren: https://www.oekoroutine.de/blog/

Das Buch „Schluss mit der Ökomoral“ von Michael Kopatz ist im oekom-Verlag München erschienen, der versucht, „grünen Ideen und alternativen Konzepten eine intellektuelle Plattform und publizistische Heimat zu bieten“. https://www.oekom.de/

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Grant & I

Nachdem ich mich schon als Fan der Go-Betweens und im besonderen von Robert Forster geoutet habe, erscheint es mir angebracht, ein paar Worte über das Buch zu verlieren, das derselbe über die gemeinsamen Jahre mit seinem Alter Ego Grant McLennan geschrieben hat, der leider schon 2006 im Alter von 48 Jahren starb:

Für uns wahre Fans waren die Go-Betweens von jeher die beste Indie-Band der Welt, nur wegen ihres Namens habe ich mir einst den Film von Joseph Losey (mit Julie Christie, Drehbuch: Harold Pinter) angesehen, von dem mir nur wenig von der eher verklemmten Geschichte, die auf einem englischen Landsitz spielt, in Erinnerung geblieben ist, obwohl  er 1971 in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat (hauptsächlich wohl wegen der großartigen Ausstattungstableaus). Und vor nicht allzu langer Zeit habe ich sogar den Roman von L. P. Hartley gelesen, der – wie Colm Tóibín im Vorwort schreibt – in The Go-Between die perfekte Form fand, „um sein hochkomplexes Verhältnis zu Klassenfragen, Sexualität und Erinnerung zu ergründen“. Der Roman erschien 1953, lässt aber das Viktorianische Zeitalter wieder aufleben, in dem sich die Weltsicht des Autors gründet. Ich war also sehr gespannt auf das Buch von Robert Forster, u.a. um zu erfahren, warum sie sich nach dem Buch benannt haben.

Doch diese Frage wird nicht beantwortet, wie so vieles, worauf ich neugierig war. Trotzdem habe ich das Buch mit großer Begeisterung gelesen. Logisch, als Fan, werden Sie jetzt sagen. Aber das ist nicht der Grund, denn die meisten Band-Biografien sind furchtbar langweilig. Ich bin ja nicht mehr 18 und die meisten sogenannten Fakten vergesse ich sowieso nach kürzester Zeit wieder. Darum lese ich Bücher nur wegen des Lesevergnügens und das ist bei Grant & I absolut gegeben. Forster hat eher einen (Entwicklungs-)Roman als ein Sachbuch geschrieben, angefangen von seiner Kindheit in einem Vorort von Brisbane, den ersten (Solo-)Versuchen mit der Gitarre bis zu den ersten Auftritten in dieser Kleinstadt mit seinem Soulmate McLennan. Wie trostlos diese Städte im Niemandsland des australischen Archipels waren, hat David McComb von den Triffids einmal sehr drastisch auf den Punkt gebracht: „Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder du wurdest zum Surfer oder zum Junkie.“

Erwachsenwerden, Überdruss, Zweifel, Erwachen und Wachsen des sexuellen Verlangens, Pläne fürs Leben oder für die nächste Nacht und vor allem viele Gespräche werden geschildert, in weiterer Folge auch die großen Erwartungen, die kleinen Erfolge und die größeren Misserfolge, ja das Scheitern des großen Plans, in England die Nachfolge der Beatles als berühmteste Band der Welt anzutreten; und wie sie letztlich doch zumindest zu einer Kultband wurden.

Während andere Gruppen, deren Weg die Go-Betweens kreuzten – wie etwa R.E.M. oder Orange Juice (wer kennt die heute noch?) – zumindest einige Hits hatten, wenn nicht sogar weltberühmt wurden und ihren Frontmann in den Starhimmel katapultierten, blieben Forster und McLennan immer nur die Lieblinge der Musikjournalisten. Sie sind ja sogar wieder als Go-Betweens aufgetreten, weil sie von der französischen Zeitschrift les inrockuptibles zur besten Band der Welt gewählt wurden.

Unbescheiden, wie Forster nun mal ist, räsoniert er immer wieder darüber, warum andere Bands erfolgreich sind und die Go-Betweens nicht in dem Maße, wie sie es verdienen würden, weil sie doch die allerbesten Songs schreiben – inspiriert von Filmen und Büchern. Schon ihre erste Single war eine Hommage an die Schauspielerin Lee Remick („She played in The Omen with Gregory Peck …“) Es kann doch nicht daran liegen, dass sie keinen Lead-Sänger haben, schließlich waren die Beatles auch mit den beiden Frontmännern Lennon und McCartney erfolgreich … und warum gehen ständig die Plattenfirmen pleite, mit denen sie zu tun haben? Weshalb lassen sie sich darauf ein, mit einem Drumcomputer aufzunehmen, obwohl die grandiose Drummerin Lindy Morrison Forsters erste Freundin war – sind sie geblendet vom Aufnahmestudio im Landhaus des berühmten und reichen Jacques Loussier?

Manchmal hat man beim Lesen den Eindruck, dass sie so sehr von sich überzeugt waren, dass sie meinten, sie könnten den Teil der Karriere, in dem man sich anstrengen, anpassen und gut verhandeln muss, einfach überspringen, weil sie gleich alles selbst bestimmen wollten und die Geschäfte nicht einem Manager überließen – so wie die Beatles Brian Epstein hatten oder die Stones dessen Schüler Andrew Oldham.

Aber vielleicht waren sie auch einfach zu lässig, um als Musiker erfolgreich zu sein – es war ja nur eine Option, eigentlich waren ihre Vorbilder Godard und Truffaut. Und es war anfangs so einfach, sie schrieben ein paar Songs und spielten gleich vor hunderten Fans. Und eine Popgruppe war „das Romantischste, was zwei heterosexuelle Männer zusammen erschaffen können“. Wir als Fans freuen uns, dass sie sich getroffen und so viele unvergängliche Songs geschrieben haben, während wir uns fragen, was sie heute wohl tun würden, wenn sie im Alter von 18 Jahren aufeinander treffen würden …

 

 

 

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Robert Forster

Mein Highlight des Wochenendes war ein intimes Konzert der australischen Indie-Legende Robert Forster im Plattenladen Dodo Beach in Schöneberg vor etwa 150 Fans, vielleicht waren es auch 200, mehr dürften nicht in den Laden passen und diejenigen, die zu spät (i.e. pünktlich) gekommen sind, mussten leider draußen bleiben.

Forster ist das Gegenteil eines Stars: freundlich, zuvorkommend, uneitel und gereift. Schon, als er vor drei Jahren bei der „Wassermusik“ im Haus der Kulturen der Welt mit einer spontan in Berlin zusammengestellten Band ein grandioses Comeback feierte (nachdem er sich von der aktiven Musikerlaufbahn zurückgezogen hatte – auch und wohl vor allem, weil sein langjähriger Freund und Weggefährte Grant McLennan 2006 gestorben war), war ich dabei und habe mir danach sämtliche Go-Betweens-Alben wieder angehört, tage- und wochenlang. Jetzt hat er im letzten Juni eine neue Platte mit den Musikern von damals aufgenommen – in vier Tagen, wie er erzählte. Einer dieser Musiker (Michael Muhlhaus – auch bei Blumfeld und Kante) spielte bei drei Takes von der neuen Platte mit – ohne vorherige Probe, wie Forster betonte.

„Das ist hier wie in den 60er-, 70er-Jahren bei Leonard Cohen oder Joni Mitchell“, sagt er zu Beginn angesichts des Settings: zwei Mikrofone, eines für die Stimme, eines für die Gitarre – „it’s not possible to make my stage moves“. Es sollte aber alles Andere als eine statische Angelegenheit werden – und das lag nicht nur an den eingeschworenen Fans des australischen Crooners. Das ist er nämlich zweifellos, in seiner ruhigen, bedächtigen Art erzählt er Geschichten aus unser aller Leben mit musikalischer Begleitung auf der Gitarre – ein Beispiel („Life has turned a page“) kann man hier hören, auf Deutschland Radio Kultur (am Ende der Sendung).

Als er zum Schluss dann einen Song spielt, den er nicht nur seinem eigenen 20-jährigen, sondern auch einem anwesenden 10-jährigen (und natürlich für mich auch meinem eigenen) Luis widmet, hat er mein Herz vollends erobert. Und als wir dann alle „Da, da, da, da …“ singen und er die Orte aufzählt, an denen Surfer sich treffen, hören wir die Wellen rauschen und ich kann die Tränen kaum zurückhalten …

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Matthew Herbert: The Music

Eigentlich sollte das Buch „The Noise“ heißen oder noch besser: „The Sound“. Herbert ist ein Hohepriester des Sound, für ihn ist es die erste und wichtigste Erfahrung im Leben der Menschen, ja sogar im Universum. Alles kann darauf zurückgeführt werden, alles lärmt und alle hören – und Matthew Herbert verarbeitet den Sound des gesamten Universums. Im Moment nimmt er gemeinsam mit einem Astrophysiker gerade alles auf, was außerhalb der uns bekannten Welt summt und brummt. Und er hat schon unzählige Sounds aufgenommen und als Grundlage für seine Soundcollagen verwendet – wie Schlafgeräusche (A Nude) oder Geräusche aus dem Leben und Sterben eines Schweins (One Pig). Als er seinen ersten Sequenzer mit 19 oder 20 bekam, fühlte er sich wie eine Mischung aus Stephen Hawking, Jesus und Jimi Hendrix. Was er damit alles machen konnte!

Aber heute präsentiert er im Literaturhaus Berlin das Werk, das ihn drei Jahre seines Lebens beschäftigt und keinen Penny Geld eingebracht hat: das Buch „The Music – A Novel Through Sound“. Der Soundtüftler, der schon mal eine Platte  hat alle Geräusche in einem Buch versammelt, an die er sich erinnern oder die er sich vorstellen konnte, während er vor seinem Rechner saß, um zur Abwechslung mal keine Klanglandschaften aufzunehmen, sondern Wörter aufzuschreiben. Ob es sich gelohnt hat? Na ja, wenn er selbst es vorliest und seine Gedanken dazu äußert, auf jeden Fall. Um es allein auf dem Sofa zu lesen – eher nicht, würde ich sagen. Obwohl es bestimmt Menschen gibt, deren Phantasie dieses Buch anregt und die von selbst nicht auf die Idee kommen würden, sich den Moment der Stille vorzustellen, der entsteht, wenn der Lüfter des Computers zur Ruhe kommt und der Bildschirm noch nicht schwarz ist.

Herbert ist ein sehr sympathischer Zeitgenosse, der sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt, ob sein Wirken als DJ der Zukunft unseres Planeten zu- oder abträglich ist. Und sein Auftritt mit der Brexit Big Band im Haus der Kulturen der Welt im Sommer hat uns bereits vor Augen geführt, dass er nicht nur einer der best verdienenden Plattenaufleger ist, der um die Welt jettet, um die Red-Bull-Trinker und Kiffer dieser Welt zu unterhalten. Sondern auch jemand, der darüber nachdenkt, wie es weiter gehen soll mit uns allen – und der deshalb 9 Stunden mit dem Zug von Zürich nach Berlin fährt statt mit Easy Jet viel billiger und in einer Stunde von Stadt zu Stadt zu fliegen. Respekt!

Die (seit Jahresbeginn) neuen Leiterinnen des Literaturhauses waren stolz wie Bolle, dass Herbert zuerst bei ihnen seine Aufwartung machte und erst morgen Mittag im Berghain auflegen würde, wie sie betonten. Wenn ihnen daran gelegen ist, dem Publikum mehr Musik zu präsentieren (und den Sound auch zu Gehör zu bringen), sollten sie allerdings schnellstens neue Boxen anschaffen. Es ist doch einigermaßen frustrierend, wenn nach einer halben Stunde Kabel-Hin-und-her-Gestecke noch immer keine Lautstärke erreicht wird, die dem Tanzen dienlich wäre – aber Literaturfreundinnen und – freunde sind anscheinend geduldig. Musikfreunde wie ich nicht, sorry!

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Internationaler Frauentag

Ein kleiner Nachtrag zur Frankfurter Buchmesse aus aktuellem Anlass: Thomas Plaßmann erzählte auf der Buchmesse von seiner Arbeit als Karikaturist der Frankfurter Rundschau. Nicht nur die zahlreichen Eigentümerwechsel, Umzüge und Ausgliederungen von Unternehmensteilen zehren an den Nerven der Mitarbeiter*innen der FR – gerade wurde ja der Verkauf an die Ippen-Gruppe kolportiert –, sondern auch die ideologisch geschulten und mitunter gestrengen Leser*innen, deren Humor bisweilen nicht mit dem des Zeichners übereinstimmt. Für diese Karikatur, die er in Sekundenschnelle noch einmal anfertigte, sodass ich sie meinen Gastgebern schenken konnte, wurde der Zeichner von Frauenverbänden und Leserinnen heftig kritisiert:

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Das Buch ist nicht genug …

… auch wenn es sich um den weltweit größten Branchentreff handelt. Eine ganze Halle für Drehbuchschreiber und Filmproduzenten, die Zusammenarbeit mit dem DFB, Hörbücher und Podcasts, Comics und E-Books, TheArts und Virtual Reality … Was man nicht noch alles bei der Buchmesse unterbringen kann, Hauptsache: nicht zu viele Buchstaben auf Papier, das schreckt die Menschen ab …

Ein aufgeblasener Plastik-Asterix, der noch schlimmer aussieht als der Depardieu-Obelix in der Real-Verfilmung – auffällig, ja, aber auch extrem hässlich, Merchandising eben, da wird der gealterte Besucher doch nostalgisch, wenn er an die ersten Goscinny-Uderzo-Bände denkt, die er verschlungen hat …

Der gelungenste Auftritt eines Verlages: die Container von Kein & Aber – sowieso einer meiner Lieblingsverlage, schön gestaltete und kluge Sachbücher, aufregende Romane und die Taschenbuchreihe mit dem Farbschnitt ist auch ein echter Hingucker …

Während sich die Buchmesse über weite Strecken redlich bemühte, nicht zu intellektuell daher zu kommen, konnte das Gastland Frankreich mit seinem neuen, belesenen Präsidenten Emanuel Macron groß auftrumpfen – vive la différence!

Die Ausstellung der Illustratoren und das Bereitstellen einer großen Zahl von Comicbüchern verweist auf die große Tradition der französischen Comic-Kultur, die ja langsam auch bei uns zur Kenntnis genommen wird.

Die Fans der Graphic Novel möchte ich auf die Klassiker verweisen – und damit meine ich nicht (nur) Hergé, Uderzo, Morris und Franquin, die ich alle sehr liebe, vor allem René Goscinny, den besten Texter aller Zeiten. Er hat zeitlose Texte, Stories und Dialoge geschrieben: Der kleine Nick, Asterix, Lucky Luke, Isnogud („Ich will Kalif sein anstelle des Kalifen!“), Umpah-Pah, all diese Charaktere und ihre Welt hat er erfunden …

Aber es gibt noch so viel mehr – ein ganzes Paralleluniversum ist zu entdecken, die sich seit Jahrzehnten über die vielen Antiquariate von Brüssel ausdehnt, mit deren Hilfe ich meine Sammlung der wichtigsten Autoren vervollständigt habe: Chaland, Serge Clerc, Tardi, Bilal, Loustal – um nur einige zu nennen – und natürlich der Großmeister des lustvollen, politisch total unkorrekten Cartoons: Reiser!

(C) für alle Titel bei den Autoren und Verlagen

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Sturm über Deutschland

Am 24. September fegte die AfD übers Land, vorgestern das Sturmtief Xavier: entwurzelte Bäume, verzweifelte Parteisekretäre und aufgeregte Leitartikel  allenthalben. Die Kanzlerin ist nach wie vor entspannt, der erregte Kandidat fordert eine politische Diskussion ein, zu der er nichts Neues vorträgt – statt Zukunftsperspektiven zu präsentieren, zieht er sich lieber in den Schmollwinkel zurück. Gemäßigte Konservative und Liberale drängen auf die Freigabe von Cannabis für die Koalitionsverhandlungen, während die bayerische C-Gruppe eine offene rechte Flanke als Ursache für das schlechte Wahlergebnis dingfest gemacht hat. „No woman, no cry“ – womit Bob Marley gerade nicht meinte, dass es ohne Frau an der Spitze kein Geschrei gäbe. Denn wer, wenn nicht Angela wäre geeignet, eine Koalition aus lauter Alphatieren zusammen zu halten, denen es vor allem um die Durchsetzung der Partikularinteressen ihrer peer group geht: das Bierzelt ohne Flüchtlinge, Zahnersatz zum ermäßigten Mehrwertsteuersatz und E-SUVs mit Strom aus veganer Herstellung. Jetzt kommt es nur noch darauf an, dass Mutti den Seehofer Horst oder den Söder Markus beim Schaukeln abbremst, und aufpasst, dass der Tillich Stanislaw nicht rechts aus dem Karussell purzelt.

Die rechten Rabauken haben erreicht, was sie sich vorgenommen haben: Es traut sich schon keiner mehr, das Wort „Multikulti“ in den Mund zu nehmen oder für das Recht auf Asyl ohne Einschränkungen einzutreten – Grundgesetz hin oder her. Die AfD hat wohl von der FPÖ gelernt. Die treibt die anderen Parteien so vor sich vor, dass der smarte Außenminister gleich die gesamte frühere ÖVP programmatisch, organisatorisch und personell in eine populistische Kampftruppe verwandelt hat, die nur ein Ziel hat: Kurz zum Bundeskanzler zu machen und die – freilich nicht mehr vorhandene – ewig zweite konservative Partei zu alter Macht zurück zu führen.

Aussehen ist wichtiger als Argumente, daher hatte auch Frauke Petry trotz völkischem Nachwuchs keine Chance gegen Alice Weidel, die immer für ein Titelbild gut ist. Diese Medienstrategie lässt sich an der Haider-FPÖ anschaulich studieren: über Jahre druckte das Nachrichtenmagazin „News“ den Hetzer auf jeden zweiten Titel, bis auch der letzte Schwachmat im hintersten Tal ihn kannte. Was den Chefredakteur des FALTER veranlasste, ein Bilderverbot auszusprechen. Half auch nicht wirklich gegen die „Feschisten“ (© Armin Thurnher) – würde die FPÖ nur 12,6% erreichen, wäre in Österreich wohl von einem Linksruck die Rede …

Der Tiergarten sieht heute ziemlich verwüstet aus, aber die Spuren von Xavier werden wohl bald beseitigt sein. Die Grenzüberschreitungen der Hetzer von rechts werden uns länger begleiten und in endlosen Talkshows erörtert werden. Die Ursachen der Unzufriedenheit lassen sich aber weder durch Totschweigen noch durch Ausgrenzung beseitigen. Was wir dringend brauchen, ist eine Strategie, wie wir in einer veränderten Welt unseren Platz behaupten – jeder für sich und wir gemeinsam für unsere Heimat – das ist Demokratie und die ist verdammt anstrengend.

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The party

Kann man sich anschauen, muss man nicht … das war mein Fazit nach dem Kinobesuch: der Film von Sally Potter, viel gelobt und empfohlen, erfüllte nicht die Erwartungen, die durch die Besprechungen geweckt wurden. Möglich, dass die Kritiker sich freuten, mal wieder ein Drama sehen zu können und nicht von den immer gleichen, inhaltlich kaum fordernden Superheldenfilmen gelangweilt worden zu sein – wie so oft in den letzten Monaten. Aber reicht das schon für einen enthusiastischen Text über einen eher mittelmäßigen Film?

Die Schauspieler machen das gut, OK, obwohl es einem schwer fällt, Bruno Ganz in seiner tausendsten Rolle in einem Independent-Film bei der Umsetzung einer Minimalrolle zu beobachten – das war schon in der letzten Literaturverfilmung („In Zeiten des abnehmenden Lichts“) kaum auszuhalten. Er kann halt alles, in diesem Fall einen esoterischen Deutschen verkörpern, der von seiner Freundin die einzig richtige Regieanweisung bekommt: „Shut up, Gottfried!“

Dass der Film in Schwarz-Weiß gezeigt wird, soll wohl eine gewisse Nostalgie nach den Jugendjahren der Akteure erzeugen, die Zeit, als sie noch Ideale hatten und sich aufmachten, die Welt zu verändern. Nun stellen sie fest, dass sie nicht nur politisch nichts erreicht haben, sondern auch noch persönlich gescheitert sind. Das ist traurig, aber die Themen, um die es geht, werden doch reichlich klischeehaft verhandelt und genau zu dem Zeitpunkt, an dem man das Gefühl hat, jetzt könnte doch noch was Entscheidendes passieren, endet der Film …

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